Ich habe neulich dieses Buch gelesen, weil ich mich wohlfühlen wollte. Stattdessen hatte ich immer wieder dieses Gefühl: Irgendetwas stimmt nicht.
Kein offensichtlicher toxischer Trope, keine klaren Red Flags. Und trotzdem hat mich ein konstantes Unbehagen begleitet. Genau dieses Gefühl möchte ich in diesem Beitrag greifbar machen.
Es geht um internalisierte Misogynie. Internalisiert bedeutet: Wir übernehmen Bilder und Dynamiken, ohne sie bewusst zu hinterfragen.
Ein einfaches Beispiel: Ein fremder Mann pfeift uns auf offener Straße hinterher.
Für viele ist klar: Das ist eine Grenzüberschreitung.
Wenn ich aber denke: „Er macht das, weil er mich toll findet“, verschiebt sich etwas: Ich habe gelernt, dieses Verhalten umzudeuten, es nicht als unangenehm oder übergriffig zu lesen, sondern als Kompliment.
Genau so funktionieren internalisierte Muster: Sie fühlen sich oft vertraut oder sogar positiv an, obwohl sie eigentlich ein Ungleichgewicht enthalten.
In diesem Blogbeitrag will ich erklären, woran ich das festmache und warum ich es für problematisch halte. Vorweg ein kurzer Blick auf die Ausgangssituation der Geschichte.
Das Setting:
Die Tochter eines Sportagenten soll einen Bullenreiter, der sich auf dem absteigenden Ast befindet, „betreuen“ und ihm helfen, sein Image wieder aufzubessern.
Ich nenne Titel und Autorin bewusst nicht. Es geht mir nicht darum, ein einzelnes Buch zu kritisieren, sondern um Muster, die mir beim Lesen aufgefallen sind und die mir auch in anderen Geschichten begegnen.
Die Tropes:
- Enemies to Lovers
- Forced Proximity
- Grumpy vs. Sunshine
Genau in dieser scheinbar vertrauten Konstellation zeigen sich die Dynamiken, die ich kritisch hinterfragen möchte. Here we go:
Sprache & Machtgefälle:
Der Protagonist nennt die weibliche Hauptfigur permanent „Prinzessin“. Das wirkt auf den ersten Blick vielleicht harmlos oder sogar „cute“. Viele verbinden damit eine besondere, fast erhöhte Stellung – eine adelige Person, der ein besonderer Wert zugeschrieben wird. Doch in der Geschichte nennt sie auch ihr eigener Vater so. Und genau hier kippt etwas. Der Love Interest wird sprachlich auf eine Ebene mit dem Vater der Protagonistin gestellt. Autorität und romantisches Interesse beginnen zu verschwimmen. So entsteht ein unterschwelliges Machtgefälle.
Unklare emotionale Positionierung:
Ein Satz wie: „Ich glaube, ich liebe sie mit jedem Augenblick mehr.“ Kann funktionieren. Es klingt romantisch, unsicher, vielleicht sogar verletzlich. Aber der Protagonist spricht hier nicht von etwas Unverbindlichem, sondern von einer erwachsenen Frau, für die er sich entschieden hat.
Und ich frage mich: Warum glaubt er es nur? Warum weiß er es nicht?
„Ich glaube“ signalisiert Unsicherheit, Distanz und vor allem fehlende Klarheit.
Gerade in einem Moment, der emotionale Tiefe transportieren soll, entsteht dadurch eher das Gegenteil. Die Aussage wirkt weniger wie ein Bekenntnis und mehr wie ein Ausweichen.
Sexualisierung statt Augenhöhe:
Im letzten Kapitel findet sich ein Satz sinngemäß wie: „Das Leben war nie schöner. Arbeit. Familie. Haus. Truck. Und die Tatsache, dass sie auf mir ist und mich reitet.“
Er beschreibt damit alles, was sein Leben für ihn erfüllt macht. Doch auffällig ist die Reihenfolge und Einordnung:
Job, Familie, Besitz und dann sie. Die weibliche Figur wird hier nicht als gleichwertige Partnerin beschrieben, sondern als Teil eines erfüllten Lebens. In seiner Wahrnehmung wird ihr Wert stark über die sexuelle Ebene definiert. So entsteht das Bild einer Beziehung, die weniger auf Augenhöhe basiert und mehr auf Funktion innerhalb seines Lebensentwurfs.
Umgang mit weiblichen Emotionen:
„Nicht weinen, bitte. Es bringt mich um, wenn du weinst.“ Das wird oft als fürsorglich gelesen. Für mich zeigt es eher: Er hält ihre Emotionen nicht aus und verschiebt den Fokus auf sich selbst. Im Kern sagt er: „Bitte weine nicht, ich kann damit nicht umgehen.“ Ihre Emotion wird zu seinem Problem.
Warum das so schwer greifbar ist?
Das Problem ist nicht ein einzelner Satz. Sondern die Summe kleiner Verschiebungen. Dinge, die sich vertraut anfühlen. Aussagen, die wir kennen. Muster, an die wir uns gewöhnt haben. Sie werden romantisch gelesen und genau deshalb fallen sie oft nicht auf.
Vielleicht kennst du solche Momente auch: Dass sich etwas „off“ anfühlt, obwohl du es nicht sofort greifen kannst.
Für mich ist das ein Grund, beim Lesen (und besonders beim Schreiben) genauer hinzusehen und zu hinterfragen. Das war auch der Grund, weshalb ich die Geschichte nicht abgebrochen habe. Genau solche Geschichten zeigen, dass problematische Dynamiken nicht laut oder offensichtlich sein müssen, um zu wirken.
Für mich bedeutet das nicht, keine Romance mehr zu lesen oder zu schreiben. Im Gegenteil. Ich werde bewusster entscheiden, welche Dynamiken ich erzählen möchte. Und wie ich auf schädliche Muster aufmerksam machen kann.