Von wegen “Softporno” und “Harmoniepunkte”

Ein offener Brief als Reaktion auf einen Kommentar von Carsten Otte (SWR), erschienen zur Leipziger Buchmesse 2025.

Sehr geehrter Herr Otte,

Ihr Kommentar zur Leipziger Buchmesse 2025 hat mich nicht nur irritiert, sondern auch wütend gemacht. Denn Sie stellen darin viele Entwicklungen, Strömungen und Themen der diesjährigen Messe nicht nur einseitig dar, sondern werten sie in einem Ton ab, der sexistisch, elitär und kulturpessimistisch anmutet.

Sie schreiben, kontroverse Diskussionen zur Entwicklung der Buchbranche hätten gefehlt. Ich frage mich: Waren Sie auf der gleichen Messe wie ich? Auf Podien wurde über generative KI und deren Einfluss auf das Schreiben diskutiert (z. B. “Schluckt generative KI die Literaturproduktion auf dem sanften Weg?”). Es gab Gespräche über klimafreundliches Wirtschaften im Buchhandel, über digitale Kompetenzen, Nachwuchsförderung und Transformationsprozesse in der Branche. Dass Ihnen diese Themen offenbar entgangen sind, lässt tief blicken.

Stattdessen verbeißen Sie sich an der angeblich überinszenierten “Wohlfühlatmosphäre” – mit “rosafarbenen Kunstblumen” und Cosplay-Kostümen, die Sie sogleich sexualisieren. Das ist nicht nur unnötig herablassend, sondern auch bezeichnend für die Perspektive, aus der Sie berichten: akademisch-distanziert, männlich kodiert, von oben herab. Ja, die Messe war voll. Ja, sie war bunt. Aber das ist kein Mangel, sondern Ausdruck ihrer Vitalität.

“Cosplay ist allgegenwärtig” schreiben Sie. Und ja: gut so! Die Manga-Comic-Con ist Teil der Leipziger Buchmesse. Dass Literatur dort auch visuell, kreativ und popkulturell verhandelt wird, ist keine Bedrohung, sondern ein Gewinn.

296.000 Besucher:innen, 2.040 Aussteller:innen aus 45 Ländern, ein Gastland mit poetischem Auftritt („Traum im Frühling“), 2.800 Veranstaltungen an 330 Orten mit 3.000 Mitwirkenden – das ist keine “Eventmesse, auf der es nebenbei um Bücher ging”. Das ist Literaturleben heute.

Besonders befremdlich finde ich Ihre Einschätzung zum Fernbleiben rechtsextremer Verlage. Sie erwähnen die Antifa – mit spöttischem Unterton – und sprechen davon, dass man in einer “Debattenkultur” antagonistische Positionen zulassen müsse. Nein, Herr Otte. Rechtsextremismus ist keine Meinung, über die man “streiten” sollte. Es ist eine demokratiefeindliche Ideologie, die auf einer Buchmesse nichts verloren hat. Dass diese Verlage fernblieben, war kein Verlust, sondern ein Gewinn an Sicherheit und Vielfalt.

Und dann kommt Ihr Rundumschlag gegen das Genre Romantasy. Sie nennen es „Softporno im Buchformat“ mit „sprachlicher Nullqualität“. Ganz ehrlich: Wann haben Sie zuletzt ein solches Buch gelesen? Haben Sie sich jemals mit der Community, den Autorinnen, den Leserinnen oder der Vielfalt innerhalb dieses Genres auseinandergesetzt? Es geht nicht um rosa Glitzer und Klischees. Es geht um starke, komplexe Figuren, um queere Geschichten, um Empowerment, Trauma, Lust, Heilung – und ja, auch um Sex. Und das ist gut so. Dass Sie diesen Aspekt herabwürdigen, lässt erneut tief blicken. Haben Sie ein Problem mit weiblicher Sexualität, die nicht für den männlichen Blick geschrieben ist?

Romantasy ist ein boomendes Genre. Es bringt junge Menschen zum Lesen, viele zum Schreiben, es vermittelt Selbstbestimmung, Gefühle und Zugang zu Literatur. Es ist so viel mehr als Ihre Formulierung zulässt. Ihre Abwertung verrät weniger über das Genre als über Ihre Vorstellung von “ernsthafter” Literatur. Und die scheint – pardon – fest in einem patriarchalen Kanon verhaftet zu sein.

Ich lade Sie herzlich ein, sich auf die literarische Gegenwart wirklich einzulassen. Vielleicht lesen Sie mal Bianca Iosivoni, Jennifer Benkau, Julia Dippel oder eine junge queere Romantasy-Stimme aus dem Selfpublishing. Vielleicht sprechen Sie mal mit Cosplayer:innen, mit Jugendlichen, mit Autor:innen, die nicht in Ihr Raster passen. Vielleicht steigen Sie vom hohen Feuilleton-Ross herab und schauen sich die Welt an, wie sie ist: wild, divers, laut, verletzlich, kreativ.

Und vielleicht schreiben Sie dann das nächste Mal nicht über eine Messe, die Sie überfordert hat, sondern über eine, die Sie überrascht hat.

Mit besten Grüßen,

Hedy Mae
Johanna Sonnleitner-Braun

 

Hedy Mae
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